In Memoriam VALIE EXPORT (1940-2026)
Es ist nicht allzu lange her, dass ich VALIE EXPORT gemeinsam mit Marina Abramović getroffen habe. Wenngleich sich die beiden nicht allzu oft in ihrem Leben begegnet sind, waren dies immer entscheidende Momente. Valie hat mir dort versichert, zu einer unserer nächsten „Kurien“-Zusammenkünfte zu kommen, um sozusagen den Blick über Wien aus dem 18. Stockwerk des von Jean Nouvel errichteten Gebäudes, geschützt unter der Decke von Pipilotti Rist, gemeinsam zu riskieren. Und das wäre ja vielleicht nicht ihr größtes Risiko gewesen.
So ganz genau weiß ich es nicht mehr, umso mehr da sich die Ereignisse, vor allem dann, wenn sie die Öffentlichkeit erreichen, zwar nicht verwischen, aber sich sozusagen überlagern und es im Nachhinein nicht immer präzise feststellbar ist, ob man selbst oder über das eine oder andere Medium dabei war. Jedenfalls ist mir Valie sowie ihr Langzeitpartner Peter Weibel seit ihren frühesten künstlerischen Arbeiten persönlich vertraut: sie als die feine österreichische Zigarettenmarke „Smart EXPORT“ rauchende und als besonders risikofreudige, kompromisslose und ambitionierte Kunstschaffende.
1967 hat sie ihren bürgerlichen Namen abgelegt, sich selbst umbenannt, VALIE EXPORT — geschrieben in Versalien — und damit nicht nur einen Künstlernamen, sondern eine künstlerische Existenzform geschaffen. Einen Akt der Selbstermächtigung, lange bevor dieses Wort zu einem kulturellen Gemeinplatz wurde. Wie wir heute wissen, befindet sich sogar dieses kleine Kunstwerk, der Auslöser ihres Künstlernamens, die originale Zigarettenschachtel VALIE EXPORT in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York.
Ganz ehrlich: obwohl ich Valie viel, möglicherweise alles zutraute, habe ich damals mit ihrem internationalen Durchbruch nicht gerechnet. Sie konnte überzeugen, bedrohlich, verführerisch wirken, provozieren, war mutig, wie damals wenige Frauen dies öffentlich kundtaten, aber gleichzeitig unterhaltsam, liebenswert und charmant. Sie konnte rücksichtslos sein, auch gegenüber sich selbst.
Mit Arbeiten wie „Tapp- und Tastkino“, den frühen Expanded-Cinema-Aktionen oder später „Unsichtbare Gegner“ hat sie nicht bloß die Grenzen zwischen Körper, Bild, Öffentlichkeit und Wahrnehmung verschoben, sondern die Bedingungen von Wahrnehmung selbst zur Disposition gestellt. Nicht als theoretisches Programm, sondern als unmittelbare Konfrontation. Sie hat den weiblichen Körper aus seiner historischen Rolle der Repräsentation befreit und ihn als autonomes Medium künstlerischer und gesellschaftlicher Artikulation behauptet. Damit wurde sie weit über dieses Land hinaus zu einer jener Stimmen, die Kunst nicht illustrieren, sondern Realität verändern.
Sie ist in die Kunst hineingetaucht, hat Kunst gelebt, hat Kunst entwickelt und Kunst erobert.
Sie war keine Konzeptionistin, nein, das war sie nicht. Sie war in vieler Hinsicht eine Pionierin, eine „Perceptionistin“, die wusste, was sie wollte, sich aber selbst von dem, was sie erzeugte, herstellte, auslöste, überraschen ließ. Das mag vielleicht auch der feine Unterschied sein, wenn heute Performance oft der Ausdruck eines stringenten Konzepts darstellt. Bei Valie war stets auch Gefahr dabei, Unsicherheit, Risiko — und genau darin ihre Präzision.
So wie das Leben spielt, sind wir uns nach einem langen Lebensabschnitt in der Kurie für Kunst in der Hofburg und über den Dächern von Wien begegnet — sie seit 2005 Mitglied der Kurie für Kunst, ich seit 1997 — sie als eine der international wirksamsten Künstlerinnen dieses Landes, ich als jemand, der ihren Weg über Jahrzehnte mit Aufmerksamkeit, manchmal Staunen und Respekt verfolgt hat.
Und so obliegt es nun mir, mich im Namen der Mitglieder der art_curia einen Moment des Gedenkens und der Erinnerung an eine herausragende Künstlerin, Kollegin und außergewöhnliche Persönlichkeit zu widmen. An eine Frau, die sich niemals angepasst hat, die nie dekorativ sein wollte, sondern notwendig. Die den Blick verändert hat — auf Kunst, auf Körper, auf Öffentlichkeit und letztlich auch auf Österreich selbst.
Mit VALIE EXPORT verliert die Kunst nicht nur eine ihrer radikalsten Stimmen, sondern auch eine jener seltenen Persönlichkeiten, die ihre Zeit nicht illustrieren, sondern ihr vorausgehen. Vielleicht bleibt genau das von ihr: nicht nur Werk, nicht nur Geschichte, sondern eine Haltung. Und die Ahnung, dass Kunst tatsächlich etwas riskieren muss, um Kunst zu sein.
Peter Noever, Chair art_curia
Wien, Mai 2026
In Memoriam VALIE EXPORT (1940-2026)
It wasn’t all that long ago that I met up with VALIE EXPORT together with Marina Abramović. Although the two hadn’t crossed paths very often in their lives, those encounters had always been pivotal moments. Valie assured me, on that occasion, then that she would attend one of our upcoming Curia gatherings—to risk, so to speak, the view across Vienna from the 18th floor of the building designed by Jean Nouvel, sheltered beneath the ceiling installation by Pipilotti Rist. It would have just possibly been far from her greatest risk.
I no longer remember everything in detail, all the more because the individual events—especially those that reached the public sphere—don’t exactly fade but rather overlap, which makes it difficult to be sure in hindsight whether one experienced them personally or through some medium or other. In any case, Valie as well as her longtime partner Peter Weibel had been familiar presences to me since their earliest artistic works—she as the smoker of the elegant Austrian cigarette brand “Smart EXPORT” and as a particularly daring, uncompromising, and ambitious artist.
In 1967 she abandoned her given name and renamed herself VALIE EXPORT, written in all caps—thereby creating not merely an artist’s name, but an artistic mode of existence. An act of self-empowerment long before that term became a cultural commonplace. And as we know today, even the small artwork that gave rise to this name—the original VALIE EXPORT cigarette pack—is now part of no less a collection than that of the Museum of Modern Art in New York.
Quite honestly: although I believed Valie capable of a lot, perhaps of anything, I hadn’t anticipated her international breakthrough at the time. She could be convincing, threatening, seductive, provocative, and courageous in ways very few women dared to be in public, back then, yet at the same time entertaining, lovable, and charming. She could also be ruthless—including toward herself.
With works such as Tap and Touch Cinema, her early Expanded Cinema actions, and the later Invisible Adversaries, she went beyond merely shifting the boundaries between body, image, public space, and perception to call the very conditions of perception itself into question. Not as a theoretical program, but as direct confrontation. She liberated the female body from its historical role as an object of representation and asserted it as an autonomous medium of artistic and social articulation. In doing so, she became known far beyond this country as one of those voices that do not “illustrate art” but instead alter reality.
She immersed herself in art, lived art, developed and conquered art.
She was not a conceptualist—no, that she wasn’t. She was in many respects a pioneer, a “perceptionist” who knew what she wanted yet also allowed herself to be surprised by what she produced, what she triggered, and what she set into motion. Perhaps that also embodies a subtle distinction in light of how present-day performance art often consists in the expression of a stringent concept. With Valie, there was always danger involved, uncertainty, risk—and precisely therein lay her precision.
As life would have it, it was in the Curia for Art, at the Hofburg and above the rooftops of Vienna, that we encountered each other again after many long years: she a member of the Curia since 2005, I since 1997; she as one of this country’s most internationally influential artists, I as someone who had followed her path over decades with attention, occasional astonishment, and respect.
And so it now falls to me, in the name of the members of the art_curia, to dedicate a moment of remembrance and reflection to an outstanding artist, colleague, and extraordinary personality. To a woman who never conformed, whose desire was never to be decorative but to be necessary. Who altered our gaze—upon art, upon the body, upon the public sphere, and ultimately upon Austria itself.
With VALIE EXPORT’s passing, art loses not only one of its most radical voices but also one of those rare personalities who do not illustrate their era but instead move ahead of it. And what remains of her is perhaps precisely this: not just an oeuvre, not just history, but an attitude. And a notion that art must actually risk something in order to be art.
Peter Noever, Chair, art_curia
Vienna, May 2026
In Memoriam Elfie Semotan (1941-2026)
Elfie war da.
Sie war präsent. Sie hörte zu, fragte nach, bezog Stellung. Und das, obwohl sie längst zu jenen seltenen Persönlichkeiten gehörte, die nichts mehr beweisen mussten. Ihre Autorität erwuchs nicht aus Lautstärke, sondern aus Erfahrung, Integrität und einem tiefen Verständnis für die Bedeutung von Kunst.
Innerhalb der art_curia war sie eine treibende Kraft. Mit Bestimmtheit und viel weiblichem Charme unterstützte sie Initiativen und Anliegen der Kurie Kunst, insbesondere dort, wo es darum ging, aktuelle Entwicklungen und Konflikte aus der Sicht der Kunst zu reflektieren und daraus Positionen von allgemeiner Relevanz zu formulieren. Sie vertrat mit Nachdruck die Auffassung, dass sich eine Gemeinschaft von Künstlerinnen und Künstlern, Denkern und Intellektuellen – darunter Persönlichkeiten wie Kiki Smith, Michel Houellebecq, Peter Sloterdijk, Gerhard Rühm oder Patti Smith – ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein müsse, gerade in einer Zeit wie dieser.
Obwohl sie mit Ausstellungen ihrer eigenen Arbeit, mit dem Film über Martin Kippenberger, ihrem zweiten Mann, mit dem Nachlass von Kurt Kocherscheidt und nicht zuletzt mit ihren Söhnen August und Ivo beschäftigt war, blieb sie aufmerksam und engagiert. Noch vor nicht allzu langer Zeit haben wir gemeinsam den Bundespräsidenten in der Hofburg zu besucht, um ihn von der Bedeutung unserer Anliegen zu überzeugen – bis wir schließlich feststellen mussten, dass er ohnehin längst überzeugt war. Was blieb, waren Gespräche, Beobachtungen und Eindrücke. Die Hofburg sah man plötzlich auch mit ihren Augen: mit diesem schnellen, scharfen und nahezu untrüglichen Blick und vermutlich war es naheliegend, dass unsere Gespräche noch lange danach um „ästhetische Intelligenz“ kreisten.
Ich glaube, ich lernte Elfie vor einer Ewigkeit kennen. Vielleicht Anfang der siebziger Jahre, als ich mit dem kanadischen Fotografen Brian Spence befreundet war, der damals im Atelier des Filmemachers John Cook arbeitete. Wirklich näher gekommen sind wir einander jedoch später, gemeinsam mit Kurt Kocherscheidt, ihrem Mann, einem der feinsinnigsten und konsequentesten Künstler, denen ich begegnet bin und den ich bis heute besonders schätze. Das war anlässlich einer Ausstellung, die ich 1989 in Budapest gestaltete.
Obwohl wir einander während jener Jahre, in denen Elfie internationale Anerkennung und Weltgeltung erlangte, oft lange Zeit nicht gesehen haben – manchmal ein ganzes Jahrzehnt –, blieb sie mir immer vertraut. Immer nah. Wenn wir einander wieder begegneten, schien keine Zeit vergangen zu sein. Wir konnten über alles sprechen: über Kunst, über Menschen, über die Politik, die uns beide oft gleichermaßen beschäftigte, oft auch ärgerte, nicht zuletzt wegen jener Provinzialität, die sich in dieser Stadt und in diesem Land immer wieder erstaunlich hartnäckig behauptet.
Wer Elfie verstehen wollte, musste auch ihren Ort kennen. Jenen alten Bauernhof zwischen Ungarn und Slowenien, den sie gemeinsam mit Kurt Kocherscheidt aufgebaut hat. Ein Rückzugsort und zugleich eine Wirkungsstätte. Ein Ort der Konzentration, der Natur und der Arbeit. Dort wurde spürbar, wie eng für sie Kunst, Landschaft, Freiheit und Leben miteinander verbunden waren. Dort traf man gelegentlich auch August und Ivo, und dort erschloss sich etwas Wesentliches von ihrem Verständnis der Welt.
Noch vor wenigen Wochen hatten wir einen Fototermin mit meiner Familie, Elisabeth und Louisa, in der Ausstellung von Helmut Lang vereinbart. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.
Nun ist es an mir, mich im Namen der Kurie von Elfie Semotan zu verabschieden. Wir verdanken ihr nicht nur ihre Unterstützung, ihre Klarheit und ihre Freundschaft, sondern auch viele wunderbare gemeinsame Augenblicke.
Elfie Semotan war in vieler Hinsicht einzigartig. Nicht nur als Ikone der Kunst-, Werbe- und Modefotografie. Nicht nur als prägende Stimme einer visuellen Kultur, deren Einfluss weit über Österreich hinausreicht. Sie war vor allem ein außergewöhnlicher Mensch: unabhängig, wach, mutig, elegant, humorvoll und von einer seltenen geistigen Großzügigkeit.
Ihr Blick auf die Welt war präzise, ihr Urteil klar, ihre Loyalität unverwechselbar. Sie hinterlässt Spuren in der Kunst, in der Fotografie und in den Erinnerungen jener, die das Glück hatten, ihr zu begegnen.
Wir werden sie vermissen.
Sehr.
Peter Noever, chair art_curia Juni 2026
In Memoriam Elfie Semotan (1941-2026)
Elfie was there.
She was fully present. She listened, asked questions, and took a stand. This despite the fact that she had long been one of those rare individuals who no longer have anything to prove. Her authority arose not from loudness but from experience, integrity, and a deep understanding of art’s significance.
Within art_curia, she was a driving force. With determination and plenty of feminine charm, she supported the curia’s initiatives and concerns—particularly when it came to reflecting upon current issues and conflicts from an artistic standpoint and formulating positions of broader relevance. She emphatically championed the view that a community of artists, thinkers, and intellectuals—including figures such as Kiki Smith, Michel Houellebecq, Peter Sloterdijk, Gerhard Rühm, and Patti Smith—must be aware of their social responsibility, especially in times like these.
Although she was busy with exhibitions of her own work, with the film about her second husband Martin Kippenberger, with the estate of Kurt Kocherscheidt, and not least with her sons August and Ivo, she remained attentive and committed. Not too long ago, we had visited the Federal President at the Hofburg to convince him of the importance of our concerns—only to realize that he was already convinced. What remained were conversations, observations, and impressions. One suddenly saw the Hofburg through her eyes, as well, with that quick, sharp, and near-infallible gaze—and it was probably only natural that our exchanges continued to revolve around “aesthetic intelligence” for a long time afterwards.
I believe it was ages ago that I first met Elfie. Perhaps in the early 1970s when I was friends with the Canadian photographer Brian Spence, who was working at filmmaker John Cook’s studio at the time. It was only later on that we truly got to know each other better, though—together with Kurt Kocherscheidt, her husband, one of the most subtle and consistent artists I have ever met and one whom I still hold in particularly high regard today. That was in connection with an exhibition I curated in Budapest in 1989.
Although we often went for long periods without seeing each other during those years in which Elfie achieved international recognition and acclaim, sometimes as long as a decade, she always remained close to me. Always near. When we met again, it seemed as if no time at all had passed. We could talk about anything: about art, about people, about politics—with which we were often equally preoccupied as well as annoyed, owed not least to the provincialism that keeps surfacing with astonishing tenacity in this city and in this country.
To understand Elfie, one had to know her special place—that old farmhouse between Hungary and Slovenia that she built out together with Kurt Kocherscheidt. A place of retreat and of activity. A place of concentration, nature, and work. There, one could sense how closely art, landscape, freedom, and life were intertwined for her. There, one would occasionally meet August and Ivo as well. And there, something essential about her understanding of the world became clear.
Just a few weeks ago, we had planned a photo shoot with my family—Elisabeth and Louisa—at the Helmut Lang exhibition. Unfortunately, it never happened.
Now it falls to me to bid Elfie Semotan farewell on behalf of the curia. We owe her a debt of gratitude not only for her support, her clarity, and her friendship, but also for the many wonderful moments we shared.
Elfie Semotan was unique in many ways. Not only as an icon of art, advertising, and fashion photography. Not only as a defining voice of a visual culture whose influence extends far beyond Austria. Above all, she was an extraordinary person: independent, alert, courageous, elegant, humorous, and possessed of a rare intellectual generosity.
Her view of the world was precise, her judgment clear, her loyalty unmistakable. She leaves her mark on art, on photography, and in the memories of those who were fortunate enough to meet her.
We will miss her.
Very much.
Peter Noever, chair art_curia June 2026
Official art_curia Website:
→ VALIE EXPORT
→ Elfie Semotan
